10.08.2011
Kategorie: Aus dem Club, Saison 11/12

Eine heimliche, herzerwärmende Lebensfreude

Eine Hommage an die verstorbene Berner Kultfigur Romolo Ferrari.


Vor drei Jahren erschien im Cluborgan eine dreiteilige Serie über Romolo Ferrari. In einigen langen Gesprächen mit ihm und seinem Bruder Giulio hatte ich die Möglichkeit Romolo als Person, wie auch seine überraschende Lebensgeschichte kennenzulernen. Zum Gedenken an diesen tollen Menschen hier nun ein Zusammenschnitt dieser Serie.

Von David Mühlemann

"Ja zwäg, zwäg ... das wäri geng!" meint Romolo zu seinem Befinden, nachdem er mich energisch gebeten hat endlich anzufangen "mit däm Züg." Ob er noch ein Bierchen wolle fürs Gespräch? Er zögert, weil er normalerweise vor dem Training nichts trinkt, willigt aber schliesslich ein. Dass ein Bericht von ihm im Cluborgan erscheint, scheint Romolo nicht gross zu kümmern: "Wenn öbis dinne isch, isch guet, u süsch isch o kenä verruckt." "Verruckt" nicht, aber die Leserinnen und Leser hätten etwas verpasst. Denn hinter der knorrigen Fassade dieses 73-jährigen Mannes stecken eine hochinteressante Lebensgeschichte, überraschende Talente und eine heimliche, herzerwärmende Lebensfreude.

Vom dritten Stock ins Blumenbeet

Romolos Geschichte beginnt im norden Afrikas. Die Tessiner Familie emigrierte, weil Vater Ferrari eine Stelle als Bankdirektor in Massaua, einer Hafenstadt in Eritrea, antrat. Seine Brüder, Fabio, Livio und Giulio erblickten dort das Licht der Welt. Er selber wurde 1935 als Jüngster in Ägypten, in der Nähe von Kairo geboren. Eines Tages spielte Romolo mit seinem Bruder Giulio auf einem dreistöckigen Flachdachhaus. "Romolo!" rief ein Mädchen auf der Strasse. "Komm runter und spiel mit mir!" Der viereinhalbjährige Junge hatte aber keine Lust zum spielen, worauf das Mädchen ihn mit einem wüsten Wort beschimpfte. Romolo spuckte vom Dach und verlor das Gleichgewicht: "Dr Chopf isch schwärer gsi aus das angere Zügs, när bini Achä gheit", analysiert er das Geschehen gut verständlich. Glücklicherweise landete er in einem Blumenbeet, das seinen Aufprall abfederte. "Er hatte Glück im Unglück!" ist sich sein Bruder Giulio gewiss. Er habe zwar eine schwere Gehirnerschütterung erlitten, „aber am nächsten Tag stand er wieder auf den Beinen und hat gesungen“. Auf die Folgen des Sturzes angesprochen, erinnert sich Romolo an ein Gespräch mit seinem Vater:
 
Woni euter bi worde hetmer dr Père gseit: 
"Du Romolo! Was hesch du eigentlech zur Zyt gha ... hesch du eigentlech nüt gha?"
När hani zuenim gseit: "Warum. ÖBIS HANI GHA!"
Dr Père: "Ja äuä chum."
"MOOOU! Gsesch nid, dass dr Chopf schreg isch?!" (schmunzelt)

Nicht nur sein Kopf war in der Folge einwenig schräg, auch sein Brustkasten erlitt bleibenden Schaden. "Er hat jetzt eine ziemlich grosse Brust, die krachte damals zusammen," sagt Giulio und führt aus: "Romolo hatte immer ein wenig Pech." "Hiä" sagt Romolo und zeigt unter sein linkes Auge, "hiä, da bini vorä giftige Spinnelä gstoche worde." Seit damals trägt er eine Brille und schielt auf diesem Auge. Wie ihn die Spinne stach, weiss er allerdings nicht mehr: "I WEISS DOCH NID! I weiss doch nid! Das weiss i doch nid! (verwirft die Hände). Denn bini Chli gsi! När ufzmau (...) hani d Brülle müesse alegä. E AUSO. Das Oug het eifach öbis gha!"

Romolo und sein Gedächtnis

"Das Oug het eifach öbis gha" heisst für Romolo soviel wie: "Es ist etwas geblieben." Romolos Berichterstattung mag auf den ersten Blick etwas wirr klingen. Der aufmerksame Zuhörer merkt aber schnell, dass Romolo sehr wohl weiss, wovon er spricht. Sein Gedächtnis ist seine grösste Gabe: "Das ist also wahnsinnig," bestätigt Giulio: "Der weiss Sachen von früher, wo ich keine Ahnung mehr habe." Als 1939 der Krieg ausbrach, befand Romolos Vater ein Verbleiben als zu gefährlich. So zog die Familie zurück in die Schweiz, ins Tessin, wo sie die nächsten fünf Jahre lang lebte. Im Winter 1944 zogen sie in die Bundeshauptstadt nach Bern. Darauf angesprochen, wie das war, als er mit neun Jahren von Bellinzona nach Bern kam, antwortet Romolo empört: "Zäni bini gsi! Nid Nüni!" Tatsächlich zählt Romolo ohne zu zögern die gesamte Mannschaftsaufstellung des FC Bellinzona von 1941/42 auf. Da war er gerade mal sieben Jahre jung. Auf sein Gedächtnis angesprochen, fängt er an zu schmunzeln: "Eh was wosch de? Du muesch das eifach chönne! Wedes nid chasch heimer o nüt drfür!" Seine Antworten sind hausgemacht und beantworten kaum je direkt eine Frage. Er liebt es auch, mit Anekdoten aus seinem Leben auf Fragen einzugehen. Dann blickt er jeweils nach links in die Leere, oder schliesst die Augen. Man sieht ihm förmlich an wie er in die Vergangenheit eintaucht. Die vielen Reisen, die er mit seiner Mutter unternahm, sind ihm präsent, als wäre er erst gerade heimgekehrt und hätte noch nicht mal die Koffer ausgepackt. Bis zu ihrem Tod 1995, war seine Mutter die wichtigste Person in seinem Leben. Zusammen bereisten sie die ganze Welt. Auch geografisch hat Romolo deshalb ein äusserst gutes Gespür. Wenn er den Namen einer Stadt, oder eines Landes nicht mehr kennt, benutzt er den Tisch als Landkarte und zeigt mit dem Finger, wo er war: "Zerscht bini uf dere Site gsi. Da. Gran Canaria. När bini ufä. Äääääääääää (er regt sich auf, weil er den Namen nicht mehr weiss) Uf dr angere Site gsi, da änä gsi..." Romolo liebt es, ganze Gespräche auf den Wortlaut genau nachzuspielen. Zum Beispiel das Tischgespräch in Teneriffa mit den anderen Schweizer Hotelgästen, die einen Übersetzer brauchten."
 
När hani am St. Galler gseit, "trinket dir o ä Dings..., ä Wii?"
"Ja"
"Was weiter de fürige?"
När heter eifach gseit: "WISSÄ!"
"Mau fragä ..."
De hani däm gseit uf Spanisch: 
"Tenemos a qui un vino blanco! Se porta uno por el senor?"

Romolo erzählt Geschichten ganz nach dem Motto: "Keine Pointe ist auch eine Pointe!" Um fehlende Unterhaltung braucht man sich trotzdem keine Sorge zu machen. Er spielt bis zu drei Personen auf einmal, wechselt Rollen und Stimmen in offenem Schlagabtausch und wenn ihm während dem Erzählen aus Versehen einmal ein Schmunzeln entwischt, merkt man, dass er grosse Freude an seinem Leben und Erlebten hat. Die Pointe ist Romolo selbst.

Das Sprachtalent

Zur Schule ging Romolo im Biziusschulhaus. Die Deutsche Sprache eignete er sich schnell an. Mit zehn Jahren beherrschte er Arabisch, Italienisch, Deutsch und Französisch. Sein Sprachtalent blieb auch den Mitschülern nicht verborgen:

"Hinger mir si geng d'Wiiber ghocket. När heisi mi geng gfragt: Romolo chasch üs nid säge, was dr Lehrer verzeut het?
HEILANDDONNERWÄTTÄRE! Chöit dir das de nid lehre?"

Und auch den Lehrern blieb sein Sprachtalent nicht verborgen:
"I ha mau d Hang ufgha. När het dr Lehrer gseit: Di brucheni nid Romolo! Du chasches ja!
I has de chönne! Aus 10-jährige!"

Die Familie Ferrari wohnte an der Segantinistrasse 10, direkt neben dem Egelmoos. "Wo ds Eggmöösli igfrohre isch gsi im Winter ... wos no so richtig chaut isch gsi ... aber de RICHTIG! ... bini geng übere go schlöferle und Ishockey spile." Seine Passion fürs Eishockey ist dem 75-jährigen bis heute geblieben. Wenn es kalt wird im Lande und Kilchenmanns Mannen im Wald oder auf der Tartarbahn schwitzen, steht Romolo nämlich im Weihermannshaus und schaut an der Bande beim EHC Rot Blau zum Rechten.

Bier für die Malerkollegen

Nachdem Romolo die Schule mit einem Real-Abschluss beendet hatte, bekam er eine Lehrstelle als Hilfsmaler. Ob er da nebst dem Malen auch gelernt hat Bier zu trinken?
"HÄ? Neeeeeei. Dr Meister het mir eifach gseit gha:"
Romolo, am morge muesch du geng ga Komissione mache für d Gielä.
Sägi: NEI! Di chöi doch säuber ga!
Di chöi NIIIIIID!
Sägeni: Warum?
WÜU die nid Dütsch chöi! Du muesch ga.
Auso de bini geng gange, am Achti am morge  bini drus. Iz Konsum da gads Züg ga holä. När hani geng gseit: Was weiter de aus? Das u das u das u das. Auso. Ds Züg mitnä!
U när hani geng Bier ghout. Für mi ono grad.“

„Soldat, Sanität Ferrari!“

Giulio ist stolz darauf, dass der zwei Jahre jüngeren Bruder die Rekrutenschule absolviert hat: "Die Sanitäterrekrutenschule ist ja bekannt dafür, dass es keine einfache ist!" Eingerückt ist Romolo in St. Moritz, um dann vierzehn Monate in Savatanne Dienst zu leisten. Kurze Zeit nach der Heimkehr musste er allerdings erneut einrücken:
 
Heisi gseit: du muesch wider i Dienst. Auso gani wider! 3 Wuche!
Wo häre muesi?
Zu dir hei. 
AH ZU MIR HEI!? Auso gömer haut uf Bellinzona achä!

Über den Militärdienst kann Romolo unmöglich so viel erzählen wie er gerne möchte. Er gestikuliert und spricht, als würde er über Erlebnisse vom gestrigen Tag berichten: "Neneeei! tip top! isch guet gsi! NENEEI! Dunge hei mir aus gha! Neneeei, mir hei aus gmacht." Seine vielen Geschichten und Dialoge überschneiden und verknüpfen sich. Dem Hauptmann lehnte er einmal bei einer Schiessübung seine Gehörspfropfen aus, weil dieser sie vergessen hatte:

Ja, Herr Houptmä? Müesster öbis ha vo mir?
Ja. Hesch du mir öbbe Ding ... eh ... Wattä?
Jä Heilanddonnerwätterä... hani für mi dänkt... Ja hesch du eigentlech d' Ghörschutzpfropfe nid da?
Ja, i ha di Cheibe vergässe!
Auso! När hani so gmacht ... (greift in seine Jackentasche) ... usegno ... Chasch mini ha!
Jä, u de du?
I mues de losä, wesi de schiesse uf d Bänk. 
När hani glost. När aus letschts heter mi gfragt da:
Jä hesch iz Ohreweh?
ÄUÄ. Ha doch nid Ohreweh. I ha eifach weue losä!
När hetermer gseit: Auso, hüt am Abe gömer gad amene Ort eis ga trinkä.

Noch am gleichen Abend ging Romolo mit seinem Vorgesetzen in seine Lieblingsspelunke. Die Serviertochter kannte ihn bereits:
Romolo! Bisch du o da?
Äuä scho, weni näb dir stah!
Nach dem sie sich gesetzt hatten fragte ihn der Hauptmann, was er gerne trinken möchte:
Weis i doch nid! 
När hani gseit: Herr Houptmä!
Muesch mir nid Houptmä säge!
Sägi, Warum?
Wüu iz hie niemer da isch, vo dene wo im Dienst si. I bi nume da.
Romolo wendete sich an die Serviertochter um zu bestellen:
Hesch du dr Wii da??
Eh dä, wod Bure mache?
Ja!
Jaja!
Auso gischmer dä! Nime de gad e haube Liter.
Und die Moral von der Geschicht? När heimer dä gschoppät und i hane zaut.

Romolo und seine Brüder

Der äussere Schein entspricht bei Romolo nicht dem Inneren“, sagt Giulio über seinen Bruder. Beschreiben kann er ihn allerdings nicht: "Romolo emotional zu beschreiben ist sehr schwierig, auch als Bruder." Eines weiss er aber: "Romolo ist ein ganz ein lieber Mensch". Auch Romolo ist stolz auf seine Brüder. Er kann sich an unendlich viele kleine Geschichten und Situationen erinnern. Über seinen ältesten Bruder Fabio erzählt er:

Dä het gschutet, aber dä het nid chönne schutä, dä Lappi! 
När hani zuenim gseit gha:
"Du Fabio, das isch de nüt mit dir."
Seiter: "Warum, Romolo?"
"WÜU du immer so spät hei chunsch! Muesch nid am Morge am Vieri iz Näscht ga, när müesse mir no ga schutä! DAS GEIT DOCH NID!"

Wo er Recht hat, hat er Recht. Das engste Verhältnis hatte Romolo zu seinem zwei Jahre älteren Bruder Giulio. Er war es, der seine Finanzen regelte und mit ihm am häufigsten verkehrte. Romolo mag sich an einen Zwischenfall von ihm auf dem Fussballplatz erinnern:

Är het zwöiti Liga gspiut. När bini ä Match ga luege. När uf z Mau isch dä ufgsprungä. När hani zuenim gseit: 
"Weisch wide muesch gheiä?"
När hani inepäägät: "Du häb de dr Arm ad Bruscht!"
Dä het dr Arm so gha: ... (zeigt es vor: Arm weg vom Körper!)
"Achä gheit. Ds Handglänk abenang."

33 Jahre „Heilanddonnerwätter“!

1978 war es, als Romolo beim FC Bern anheuerte. Der FC Bern stieg in diesem Jahr unter Trainer Theunissen in die Nationalliga B auf. Wie und warum er damals zum Stadtverein stiess, lassen wir Romolo gleich selber erklären:
Hani de Spiler gseit: "Wenn weit dir ufstige?"
När säge si: "1977."
"ÄUÄ CHUM!"
Im 77i si si nid ufgstige.
78 si si ufgstige, ufzmau bini dahäre cho. E AUSO!
"E auso!" Was gibt's denn da sonst noch zu sagen? Seither gehört Romolo zum FC Bern wie der Ball ins Tor.

Unermüdlich schreitet er während den Spielen der Seitenlinie entlang und gibt, die Arme in die Hüfte gestemmt, Anweisungen. Manch ein Zuschauer mag sich in den vergangen Jahren gefragt haben, was dieser kleine Mann genau macht. Seine Funktion beim FC Bern schätzt Romolo so ein:

"I bi grad hingerem Trainer. U machä mitem Sufä öbis! U luege das ds Dress richtig isch!" Am wichtigsten aber sind natürlich seine Anweisungen während dem Spiel. Die "Romolo-Coaching-Taktik" erklärt er geheimnisvoll flüsternd: "I bi nid uf dere Site wo d Spiler si! Ir zwöite Haubzyt gani geng übere, dass dr Trainer mi nid ghört, weni dene wüescht säge!" Als befinde er sich mitten in einem Match, spielt er authentisch vor, wie das jeweils tönt: "Heilanddonnerwätterä! Chöiter eigentlech schute oder chöiter nid? Dir chöits doch weder weit!" Romolo gibt aber durchaus auch konkrete Anweisungen:

„Ufzmau hani am Chrigu Rohrer gseit, üsem Nummer 8, är söu de i 16er inä, wes Corner git!
Seiter: "ÄUÄ CHUM!"
"Aber de sicher! Mir müesse gwinne! S git nüt z hueschtä!"

Schlussendlich war es dann zwar nicht Rohrer, der die Tore schoss, aber der FC Bern gewann 2:1! Da gab es nichts mehr zu husten für Courtételle und Romolo war zufrieden. Selber hätte er das sicherlich nicht zugegeben, denn Romolo ist offiziell nicht zufrieden. Und: Er lacht nicht. "Für WAS? I bruche nid z lachä! I wot überhoupt nüt wüsse vo däm ganzä Züg. I lachä niä! Fertig!" Ganz immer gelingt ihm das aber nicht: Ein Lachen von Romolo ist zwar selten, kommt aber vor. Und wenn Romolo dann einmal lacht, lachen alle um ihn herum mit.

Mit dem Zug ins Welschland

Allerdings war es für Romolo nicht immer ganz einfach beim FC Bern. In den frühen 80er Jahren, unter dem deutschen Hans-Otto Peters als Trainer, musste er zwischendurch ganz schön unten durch. Einmal habe ihm der Assistenztrainer verboten, im Mannschaftscar an ein Auswärtsspiel mitzufahren. Romolo löste dieses Problem auf seine Art:

När het eifach dr Fuchs Üelu (Assistenztrainer) zu mir gseit: 
"Du darfsch de nid mitcho mitem Car!"
"DAS ISCH MIR DOCH GLICH!"
IU! Am Sunnti Morge bini drus mitem Zug! (lacht)
Richtig: Romolo reiste seiner Mannschaft mit dem Zug hinterher und kann sich auch noch an seine Ankunft dort erinnern:
När ufzmau isch dr Hans-Otto Peters zu mir cho.
Seiter: "Ja was machst'n du da?"
"Wenn du nicht willst, dass ich mitem Car komme, kommi halt mitem Zug!"

Peters bezahlte ihm dann sogar im Nachhinein das Zugticket, obwohl Romolo das nicht für nötig hielt:
Dä hättermer nid bruchä ds gä!
Seiter: "Äuä Chum!"
"Was de nid, weni geng no wärche!"

"Er ist ein treuer Kerl!" sagte sein Bruder Giulio Ferrari über ihn. Und fügt hinzu: "Der FC Bern ist seine Familie. Sein Ein und Alles."