Die Berner Goldgrube

10 Spiele, 10 Siege. Die Erfolgsgeschichte der C-Junioren steht exemplarisch für die Nachwuchsförderung im FC Bern.

Von Jonas Dunkel

Christian Götschmann, der Leiter des Berner Kinderfussballs (KiFu), hatte letzten Frühling eine schöne Vorahnung. Im Cluborgan prophezeite er, die C-Junioren würden mit der Erfahrung, als D-Junioren bei den Älteren gespielt zu haben, in der nächsten Saison bereits an der Spitze anklopfen. Von "anklopfen" kann heute, ein halbes Jahr später, keine Rede sein. Das Team von Trainer Fritz Lehmann hat jedes seiner 10 Spiele gewonnen und ist in die 1. Stärkeklasse aufgestiegen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die aktuelle Mannschaft gegenüber den noch immer älteren Gegnern körperlich oft unterlegen ist. Rückblick: In der Saison 2007/08 hatte der Verein keine C-Junioren. Dann preschte die erste Generation der neuen Berner KiFu-Abteilung empor und spielte 2008/09 im D-Alter bei den C-Junioren. Die Mannschaft, die vor vier Jahren vom FC Länggasse übernommen wurde, trage mittlerweile ganz klar die Handschrift von Trainer Fritz Lehmann, sagt Götschmann heute. Ein solcher Erfolg ist nicht selbstverständlich für einen Verein, der nicht auf Resultate setzt, sondern die Ausbildung im Vordergrund sieht.

Ordnung auf und neben dem Platz

Fritz Lehmann ist ein akribischer Trainer mit Flair für Detailarbeit. Er zückt Mäppchen mit Spielsystemen, Standardvarianten, Verhaltensregeln und Zielvorstellungen hervor. Was auf dem Platz geschieht ist das eine, ebenso wichtig ist die Art und Weise, wie sich seine Mannschaft präsentiert. In der Garderobe gibt es eindeutige Regeln, wie Tasche, Kleider und Schuhe geordnet werden. "Ordnung ist zentral: Wer neben dem Platz keine Ordnung hat, kann sie auf dem Platz nicht haben", weiss Lehmann. Dahinter steckt die Idee, dass der Teamgedanke oberste Priorität hat. Jeder setzt sich zum Wohl der Mannschaft ein und ordnet sich unter. Das soll auf- und neben dem Platz unmissverständlich zum Ausdruck kommen. In einer multikulturellen Truppe wie bei den C-Junioren, sind solche übergeordneten Regeln umso wichtiger. "Die Schweizer U17 war auch eine verschworene Einheit mit einem klaren Ziel vor Augen. Nationalitäten spielen keine Rolle", fügt er an. Dank absolutem Teamgedanken und Disziplin kann auf dem Feld umgesetzt werden, was im Training geübt wird. Dass seine Jungs trotz körperlicher Unterlegenheit dem Gegner stets voraus sind, hat wesentlich mit den Begriffen "Laufschule" und "Koordination" zu tun, verrät Lehmann.

15 Minuten Laufschule pro Training

"Die Laufschule ist das A und O", bemerkt der engagierte Trainer. Jede Trainingseinheit beginnt mit spezifischen Aufwärmübungen, in denen Lehmann seine Jungs genau beobachtet. U.a. wird auf die Qualität des  Vorderfusslaufs und der hohen Schrittfrequenz geachtet. Überbegriff ist die sogenannte "intramuskuläre Koordination." Die Auswirkungen sind, dass der Spieler an Agilität gewinnt, in den Zweikämpfen flexibel ist und gegenüber seinem Gegenspieler automatisch über technische Vorteile verfügt. Die Laufschule gehört zur Grundlagenausbildung. ?Ist diese Basis erst mal geschaffen, kann gezielt auf Technik und Taktik eingegangen werden?, erklärt Lehmann. Die Taktik spielt in Lehmanns umfassendem Konzept denn auch eine tragende Rolle. Der Trainer lässt seine Mannschaft in einem geordneten 4:4:2 System spielen, wobei jeder Spieler auf jeder Position spielen sollte. "Wenn ein Spieler ausfällt, muss ein Kollege auf seiner Position einspringen können. Das gehört auch zum Teamgedanken." In den Trainings wird zudem fleissig an Standardsituationen gefeilt. "Wenn wir ein Tor nach eingeübter Variante erzielen, freuen sich die Jungs ganz speziell", sagt Lehmann schmunzelnd.

Erfolg steht exemplarisch für den Berner KiFu

Der schöne Erfolg der C-Junioren ist beispielhaft für eine seit Jahren anhaltende Entwicklung in der Berner KiFu-Abteilung. Die Zahl an Kindern, die beim FC Bern mitmachen möchten, steigt kontinuierlich an. Mittlerweile zählt die Abteilung bereits acht Mannschaften - die Tendenz ist steigend. KiFu-Chef Götschmann spricht mit Stolz davon, dass der FC Bern starke Junioren hat, die mit Herz und Leidenschaft bei der Sache sind. Der Spass am Hobby müsse immer im Vordergrund stehen: "Grundsätzlich wollen wir über die Freude am Spiel das Leistungsvermögen steigern." Dahinter steckt eine konsequente und zuverlässige Ausbildung seitens der Trainer. "Wir wollen Werte wie Anstand, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit vermitteln, was ebenso wichtig ist wie fussballerische Qualität", sagt Götschmann. Die Trainer müssten als Vorbilder voraus gehen, ebenso wichtig sei aber der Beitrag der Eltern, da sie ihre Kinder unterstützen und ihnen den Zugang zum Sport erst ermöglichen. "Eine gute Kommunikation mit den Eltern ist sehr, sehr wichtig", weiss Götschmann aus langjähriger Erfahrung.

Breitensport bleibt Breitensport

Die Freude am Spiel ist auch deshalb so zentral, weil der FC Bern nicht Spitzen- sondern Breitensport anbietet. "Ich bin kein Fan davon, Erfolg nur über Tabellen und Resultate zu definieren. Wir wollen im Breitensport stark sein. Jedes Kind soll zum Zug kommen und am Erfolg teilnehmen dürfen", erklärt Christian Götschmann. Wenn im Zusammenhang mit dem Erfolg der U17-Nationalmannschaft die Arbeit an der Basis gelobt wird, dann trifft das auch auf den FC Bern zu. Die Berner KiFu-Abteilung betreibt Grundlagenausbildung. Ein Vergleich mit YB ist deshalb nicht verhältnismässig, da YB Spitzensport betreibt. "Wir wollen mit unserem Kinderfussball die Nr. 2 in der Stadt sein", sagt etwa Fritz Lehmann. Dass schon mehrere Spieler aus dem Berner KiFu bei YB oder in der Bern-West Auswahl untergekommen sind, beweist, dass der FC Bern gute Arbeit leistet. Trotzdem möchte man die eigenen Spieler möglichst an den eigenen Verein binden (Vgl. untenstehende Box). Bei Ausnahmetalenten sei es aber unsinnig, den Junioren Steine in den Weg zu legen, betont Lehmann: "Wenn für einen Junioren die Chance besteht, einst Spitzenfussball zu spielen, legen wir ihm keine Steine in den Weg." Das Modell des Berner KiFu gleicht einer Goldgrube. Mit Spannung darf auf die kommenden Jahrgänge gewartet werden.

 

 

Fritz Lehmann: Zur Person

Man glaubt es kaum: Fritz "Frude" Lehmann ist schon 54-jährig. Leichtfüssig trabt er in den Trainingsspielchen seiner Junioren auf dem Feld herum und spielt daneben auch für die Berner Senioren. Der am 30. März 1955 geborene Lehmann spielte einst bei Sternenberg, Wabern und Wyler. Seit 35 Jahren trainiert er Junioren. Vorher hat er die U13 der Young Boys betreut. Seit fünf Jahren ist Lehmann nun im Neufeld zu Hause. Bei den Young Boys gab es Differenzen. Lehmann war mit dem neuen Konzept nicht mehr einverstanden. Da kam die Anfrage von Christian Wyss gerade richtig, im FC Bern als Juniorentrainer zu arbeiten. Fritz Lehmann möchte sich an dieser Stelle bei der Mannschaft und auch beim ganzen beteiligten Umfeld bedanken.Götschmann über Lehmann: "Frude ist ein absoluter Crack. Er bildet die Jungs punkto Grundlagen hervorragend aus, schaut aber auch auf Disziplin, Ordnung und Körperpflege. Jeder Verein kann froh sein, solche Vorbilder in den eigenen Reihen zu wissen."

 

 

Drei Fragen an den KiFu-Obmann

Wie können Berner Talente langfristig an den Verein gebunden werden?

Götschmann: "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Talente nicht gebunden werden können. Man kann  niemanden zwingen, beim FC Bern Fussball zu spielen. Dies funktioniert für mich nur auf der menschlichen Ebene. Die Kinder müssen im FC Bern einen verlässlichen und menschlichen Partner sehen. Das Umfeld muss angenehm, aber im Sinne des Teams auch fordernd sein. Ich bin ein absoluter Gegner von Zwängen und Einschränkungen, nur um sportliche Ziele zu erreichen. Wenn wir es schaffen, dass die Chemie unter den Jugendlichen, den Trainern und dem Verein stimmt, entwickeln unsere Mitglieder auch eine Beziehung zum FC Bern und sehen sich als Teil davon. Nur so können wir FC Berner gewinnen, die sich zu 100% identifizieren und uns schlussendlich erhalten bleiben. Wenn wir sehen, was unsere Jungen heute schon alles leisten sollen, dann müssen wir ihnen eine Plattform bieten, wo sie sich zurückziehen, Energie tanken und sich mit Freunden und Kollegen im sportlichen Sinne messen können. Wenn wir hier auch noch den Leistungsdruck einführen wollen, haben wir meiner Ansicht nach verloren. In diesem Alter sind die Kinder noch zu verletzlich und unterschiedlich entwickelt, sowohl auf der sportlichen wie auch auf der emotionalen Ebene. Um dieses Zusammengehörigkeitsgefühl zu erlangen, braucht es insbesondere auch Eltern, die ihre Kinder auf diesem Weg coachen. Zu schnell werden falsche Hoffnungen geschürt, Karrieren versprochen und Kinderherzen gekränkt. Solche Machenschaften sollten wir dringend unterlassen und mit Überzeugung unseren ehrlichen und menschlichen Weg weiterverfolgen."

Ist der Berner KiFu mit demjenigen von YB zu vergleichen?

Götschmann: "YB betreibt in diesem Sinne keinen KiFu. Klar werden für die U12 im so genannten Selection Team neue Spieler ausgetestet. Aber dies geschieht zu einem Zeitpunkt, wo sie sich bereits in einem eigenen Umfeld (Stammverein) eingelebt haben. Bei uns können die Kinder bereits ab 4, 5 Jahren mitmachen. Bewegung, Teamgeist und Spass stehen im Vordergrund. Wir haben nicht eine riesige, dafür aber eine super KiFu-Bewegung! Die Jungs und Mädels sind mit Elan dabei und werden durch ihre Eltern hervorragend unterstützt."

Inwiefern profitiert Bern von einer Zusammenarbeit mit YB?

Götschmann: "Diese Frage kann ich weder beantworten noch abschätzen. Ich habe gelernt, durch eigene Kraft selber auf den Beinen zu stehen. Ich denke dies wird auch beim FC Bern der Fall sein müssen. Profitieren können wir als FC Bern von den neuen Platzverhältnissen, sofern wir sie auch in dem von uns benötigten Umfang und in den für uns zwingenden Zeiten (Breitenfussball) gebrauchen dürfen. Leider konnten wir mit den anderen Mietern bis zum heutigen Datum noch keine gangbare Lösung erarbeiten."

 

Bilder: FC Länggasse / www.fcbern.ch