
Meister, Vizemeister, Captain der Nationalmannschaft, olympischer Silbermedaillengewinner. Wer dieses Palmares vorweisen kann, darf sich getrost als erfolgreichsten FC Berner aller Zeiten betiteln lassen. Ein Querschnitt durch Paul Schmiedlins aktive Karriere.
Cluborgan "dr Bärner" 2/09. Von Jonas Dunkel.
Als "schillerndster Fussballer der Klubgeschichte" wird Paul Schmiedlin in der 1994 erschienenen 100-Jahr Jubiläumsschrift des FC Bern bezeichnet. Daran dürfte sich bis Heute nichts geändert haben, denn Schmiedlins schöpferische Zeit fällt just in die Phase, in welcher der FC Bern seine grössten sportlichen Erfolge gefeiert hatte. Paul Schmiedlin spielte während 15 Jahren in der 1. Mannschaft, die in dieser Zeit immer in der obersten Schweizer Liga vertreten war. Insgesamt 28 Mal trug er das Trikot der Nationalmannschaft und marschierte davon 12 Mal als Captain auf den Platz hinaus, u.a. bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris.
Junge Jahre und 1. Weltkrieg
Paul Schmiedlin, 1897 geboren, debütierte im zarten Alter von 16 Jahren in der 1. Mannschaft. Seine läuferischen Qualitäten stellte er zu Beginn auch als Stafetten-Läufer der dem FC Bern angegliederten Leichtathletik-Sektion unter Beweis. 1914 wurde der Leichtathletik-Wettbewerb an der Landesausstellung durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges jedoch jäh beendet. Der endlose und schreckliche Grabenkrieg machte dem jungen Schmiedlin und seinen Kameraden in jeder Hinsicht zu schaffen. Auch wenn der Sport im hasserfüllten Klima eine verbindende Konstante blieb, war der Spielbetrieb während den Kriegsjahren im Schweizer Fussball massiv reduziert. Die Aufstellung der Berner Mannschaft musste von Spiel zu Spiel geändert werden. Etliche Akteure mussten der Mobilmachung Folge leisten. Der FC Bern schien besonders darunter zu leiden und kam selten über einen Mittelfeldplatz hinaus. Immerhin waren Schmiedlins Qualitäten nun jedem bekannt: Zusammen mit Niquille bildete Schmiedlin ein unvergessliches Duo im zentralen Mittelfeld.
Schweizermeister im Weitsprung und Fussball
Im November 1918 wurde der Krieg für beendet erklärt. Doch aufgrund des akuten Kohlenmangels und der wütenden Spanischen Grippe wurde der Bahnverkehr sonntags vollständig eingestellt. Die 1. Mannschaft benötigte für ein Auswärtsspiel nach Genf drei volle Tage zur Anreise. 1919 führte der FC Bern auf dem Kirchenfeldplatz die schweizerische Leichtathletik-Meisterschaft durch. Diese kam einem Grossereignis gleich, bot sie den Athleten doch die Möglichkeit zur Qualifikation für die Olympischen Spiele 1920 in Antwerpen. Der mit vielen Talenten gesegnete Schmiedlin nahm am Weitsprung-Wettbewerb teil und gewann diesen für den FC Bern phänomenal mit einer Weite von 6,47 Metern. Nach Jahren im Mittelmass konnte auch die 1. Mannschaft grosse Erfolge feiern: Unter dem Trainer Percy Humphrey, der schon 1914 den FC Basel trainiert hatte, führte Spielführer Schmiedlin den FC Bern 1923 in überragender Manier zum Schweizermeistertitel. Bekanntlich wurde der einzige Meistertitel der Vereinsgeschichte nur kurze Zeit später am grünen Tisch wieder aberkannt.

Silbermedaille in Paris
1924 steht für ein ausgesprochen erfolgreiches Jahr in der Karriere des Schmiedlin. Mit der Nationalmannschaft kletterte er als Captain beinahe auf den Fussballolymp. An den Olympischen Spielen in Paris erreichte die Nationalmannschaft nach historischen Siegen über die Tschechoslowakei, Italien und Schweden das Finalspiel, in welchem man von Uruguay mit 0:3 deutlich bezwungen wurde. 50'000 Zuschauer wohnten dem Spiel im Colombes-Stadion bei. Zum ersten Mal sollte ein Fussballspiel per Radio-Übetragung kommentiert werden, doch der Ballon, in welchem der Kommentator sass, wurde vom Wind weggeblasen. Die Übertragung musste abgebrochen werden. Die Schweiz erfuhr das Endresultat erst anderntags in den Nachrichten. Der Final wird als "Schlusspunkt eines phantastischen Abenteuers" beschrieben:
"Auch die Zuschauer in Paris nehmen den Aufstieg der Schweizer Nationalmannschaft zur Kenntnis. So folgen die Schweizer, um ihren Captain Paul Schmiedlin geschart, dem Olympiasieger in respektvollem Abstand von einigen Dutzend Metern. Vom Applaus, der von den Stehrampen auf sie niederbraust, sind sie sichtlich überrascht. Dabei waren die Eidgenossen wirklich nicht wie Leute nach Paris gereist, die hier Ruhm und Ehre ernten wollten, denn sie fuhren mit einem Kollektivbillet, das nur zehn Tage gültig war!" (Die Nationalmannschaft)
Mit der Silbermedaille im Gepäck kehrte Schmiedlin nach Bern zurück. Der sagenhafte Erfolg der Nationalmannschaft bedeutete für den Schweizer Fussball ein Fortschritt, "wie er sonst nur in einem Vierteljahrhundert erreicht wird."
Schmiedlin hinterlässt ein grosse Lücke
Den letzten Grosserfolg feierte Paul Schmiedlin mit dem FC Bern 1925, als der Vizemeistertitel erkämpft wurde. In den Annalen wird von einer "hervorragenden Saison" berichtet. Infolge eines Herzleidens musste Schmiedlin in der darauffolgenden Saison seinen geliebten Sport aufgeben, was für den FC Bern und für die Nationalmannschaft einen herben Rückschlag bedeutete. Während sich der FC Bern 1926 für den ersten Cupfinal qualifizierte, stellte Schmiedlin sein Wissen fortan der Spielkommission des FC Bern zur Verfügung. In der Zwischenzeit stellt sich im Neufeld die Frage, wer beim FC Bern dereinst in die grossen Fussstapfen des legendären Paul Schmiedlin treten kann.
Literatur: